Veränderung beginnt oft mit einem ehrlichen Blick auf das eigene Leben. Unsere Bewohnerin Romina S. hat diesen Abschiedsbrief an ihre Suchtmittel geschrieben – offen, persönlich und berührend. Er erzählt von Abhängigkeit, Schmerz und Verlust, aber auch von Mut, Klarheit und dem Wunsch nach einem neuen Weg. Wir danken Romina für ihr Vertrauen und dafür, dass sie ihre Gedanken mit anderen Menschen teilt:
"Abschiede. Eigentlich etwas, mit dem ich mich auskennen müsste. Ich habe mich oft verabschieden müssen, egal ob physisch oder psychisch. Das macht es jedoch nicht einfacher.
Wo fang ich da an, wo höre ich da auf? Wie verabschiedet man sich von etwas, dass immer da war? Die einzige Konstante in meinem Leben. Wird es wirklich so sein dass ich nie wieder etwas konsumiere? Sind wir mal ehrlich, ich bin 26, ich habe noch ein wenig was vor mir an Jahren. Klingt utopisch, gleichzeitig weiß ich, dass es das einzig richtige ist. Und ich weiß dass es geht, mein Opa – der einzige Mensch den ich liebe in meinem Leben, ist trocken. Seit 20 Jahren. Also ich weiß, es geht. Das gibt mir Kraft.
Ich möchte jedoch nicht außer acht lassen, dass mir die Drogen und die Selbstverletzung mein Leben gerettet haben. Fände es unfair, das nicht zu „würdigen“. Denn die Wahrheit ist doch, sie waren da. Immer. Still und leise wussten sie was mir hilft. Wie kein anderer. Sie haben mich gehalten wenn ich gefallen bin. Sie haben Dinge verborgen, die mich als Teenager zerrissen hätten. Sie haben meinen Schmerz getragen. Sie haben in gewisser Weise auf mich aufmerksam gemacht. Sie haben alles ruhig gemacht, wenn es im innen wieder viel zu laut wurde. Sie haben keine Fragen gestellt, oder Erwartungen gehabt. Sie haben mich nicht verurteilt. Sie haben mich zum lachen gebracht. Ich musste mich nie erklären, nicht rechtfertigen.
Genau das hat es so gefährlich gemacht. Die Sucht, die als Engelchen auf der linken, und als Teufelchen auf der rechten Schulter sitzt. Immer bereit, immer in der Nähe. Es ist wie ein flüstern das sagt: Ich weiß was dir hilft, sofort.
Vielleicht war die Sucht so gefährlich, weil ich sie kannte bevor ich sie selbst selbst gewählt habe.
Onkel, Opa, die eigene Mutter oder oder oder. Sucht war nicht fremd, sie war da. Immer. Und es wurden nie Fragen gestellt. In meiner Familie existiert vieles nebeneinander. Als Kind wurde ich bereits als Co Abhängig beschrieben. Mein Opa trocken, der Rest der konsumiert.
Also warum sollte ich es lassen? Warum sollte ich Angst davor haben?
Die Antwort ist im Grunde ganz einfach, denn ich musste früh (zu früh) erfahren wie weit Menschen gehen nur um an Ihr Zeug zu kommen. Ich habe gelernt wie hässlich es die Menschen macht. Gewalttätig, skrupellos und hasserfüllt. Aber das sind nur ein paar, von vielen Gründen den scheiß nie wieder anzufassen. Ich möchte nicht mit solchen Menschen auf einer Stufe stehen. Ich will es besser machen.
Und irgendwo zwischen diesen Ansichten stehe ich.
Ich habe gerade überlegt was die einzelnen Dinge für mich waren.
Das Deo, immer da wenn ich kein Geld hatte, und mich irgendwie über Wasser halten musste. Deo inhaliert, Kopf aus. Obwohl, nicht Kopf aus sondern es hat mich aus meinem eigenen Kopf raus geholt. Es hat mir keine Sekunde die Möglichkeit gelassen, auch nur einen einzigen Gedanken zu formen. Je mehr die Leute zu mir gesagt haben, lass es desto mehr wollte ich es. Als ich 14 war, sagte eine Chefärztin zu mir: „Du kannst dir lieber den ganzen Arm damit aufsprühen, als auch nur einen Zug zu inhalieren!“ Hörte sich gefährlich an, also wollte ich es umso mehr.
Der Alkohol hat meine Grenzen verschwimmen lassen, und Gedanken zum Großteil auf leise gestellt. Er war immer da, egal ob bei Partys, im Stall oder alleine zu Hause. Ein kleiner Muntermacher war durchaus hilfreich. Und das musste ich nicht heimlich machen, jeder war dabei wenn man gefragt hat ob man saufen will.
Cannabis hat mich raus geholt aus allem. Lachflashs, Fressattacken oder rumliegen und löcher in die Decke starren. Flashbacks die gedämmt wurden. Körperintrusionen die ich wegmachen konnte. Stress den ich minimalisieren konnte. Gefühle die ich damit verschwinden lassen konnte. Ruhe die sich breit gemacht hat.
Und die Amphetamine, die mir alles gegeben haben, was ich brauchen konnte. Selbstwert, Selbstbewusstsein, eine gewisse Kälte. Sie haben mir mein Hungergefühl genommen. Mir 16 Stunden Tage geschenkt. Ich war fokussiert, schnell, stark und wach. Die schweren Depressionen, die für Stunden weg waren. Ich konnte überzeugen, habe Anerkennung bekommen und war maximal fokussiert. Tagelang wach, habe Kilometer für Kilometer gerissen.
Und ja, auch die Selbstverletzung hat viel für mich getan. Sie hat zu anderen gesprochen, wenn ich keine Worte gefunden habe. Sie war die erste die da war. Bereits mit 11 Jahren hat sie alles in mir erträglich gemacht. Diese Schmerzen die ICH mir angetan habe, ICH ganz allein. Kein Mann, keine Mutter oder sonst wer. Dieser Stolz als es schlimmer wurde und es mehr Aufmerksamkeit erbracht hat, durch Krankenhausfahrten. Natürlich habe ich es früher nicht begriffen, aber heute weiß ich, es war so. Den Schmerz von innen nach außen verlagern, das konnte sie. Besser als alles andere. Oft war es auch „mein Geheimnis“, meine Kontrolle.
Aber, sie alle zusammen haben mich auch mit 20 Jahren ins Burnout getrieben, und so traumhaft das auch alles klingt, so zerstörerischer werden die Dinge mit der Zeit. Dauerhaft die Gedanken: „Wann die nächste Nase“ „Wie treibe ich das Geld auf“ „Fahre ich in den Stall, oder besorge ich mir schnell was“. Sie haben mich kalt gemacht. Ich habe ein Jahr lang zugedröhnt mit Jugendlichen gearbeitet, und heute schäme ich mich zutiefst dafür. Ich habe dicht auf der Couch meiner Chefin gesessen, als ich bei ihr gewohnt habe. Ich habe eigentlich nie nüchtern bei den Tieren gearbeitet. Irgendwann hat sich mein Leben um nichts anderes mehr gedreht. Ganz zu schweigen davon, was ich noch dazu konsumiert habe, was mich mehrfach mein Leben hätte kosten können. Selbstverletzungen die aus dem Ruder gelaufen sind, Parasuizidale Verletzungen. Entzündungen.
Sie haben mich Stück für Stück zerstört, mir viele Dinge genommen. Als Beispiel meine Klarheit oder meine Kontrolle. Sie haben mir Angst gemacht, mich in mir selber eingesperrt und mich an Orte gebracht, die die Hölle waren.
Und trotzdem habe ich sie gebraucht.
Ich habe ihnen vertraut, obwohl sie mir geschadet haben.
Ich habe sie gewählt, obwohl ich wusste dass sie mich zerstört haben.
Nicht weil ich dumm war, sondern weil sie etwas erfüllt haben, was keiner jemals konnte.
Doch das sind Sachen, die ich mir heute anders holen kann. Auch wenn es noch so anstrengend ist, dafür ist es eins: Echt. Ich will nicht dass sich die Geschichte wiederholt. Ich will nicht mehr dem nächsten Absturz in die Augen sehen. Ich will wie mein Opa sein, ein Beweis dass es wirklich geht.
Ich möchte mit meinem Suchtgedächtnis zusammenarbeiten und nicht gegeneinander. Ich will lernen mich selbst zu tragen, und lernen mich von echten Menschen tragen zu lassen.
Ich will lernen richtig zu fühlen, ohne dabei durchzudrehen. Vor allem will ich mich weiter kennenlernen, mit allem was dazu gehört. Ich will lernen, dem in mir eine Stimme zu geben. Doch all` das geht nicht, ohne die ganzen Verhaltensweisen für immer stillzulegen.
Das heißt nicht dass ich vergesse was all` das für mich war: Meine Überlebensstrategie. Sie waren mein Überleben in der Vergangenheit, jedoch nicht mehr für meine Zukunft.
Und ganz vielleicht, ist dies der Anfang von etwas echtem."